Beispiel 4: Wie kann ich mich von anderen Menschen besser abgrenzen?

Frage:

Ich sehne mich nach Menschen, habe aber oft das Gefühl, von ihnen „aufgefressen“ zu werden. Manchmal möchte ich nur höflich sein und keinen weiteren Kontakt, aber man versteht mich falsch und ich muss radikal werden.

Marias Antwort:

„Wenn Du einen Konflikt hast, ist es wichtig, als erstes zu schauen, welche Emotionsfiguren (EF) beteiligt sind und im Zuge dessen zu erforschen, welcher Diktator das Wertesystem vorgibt.

Aus meiner Sicht sind bei dem, was Du in Deiner Mail geschrieben hast, folgende EF involviert:

  • Dein Wesenskern, der gerne in Kontakt mit Menschen ist und Sehnsucht danach hat, in Beziehungen mit Menschen authentisch zu sein, sodass Du Dich nicht kontrollieren musst.
  • Ein Diktator, der von Dir verlangt, Menschen nicht zu verletzen und Dir deshalb sagt, dass Du es allen recht machen musst.
  • Ein verlassenes inneres Kind (v. i. K.), das versucht, dem Diktator zu folgen, und aus dem heraus Menschen gegenüber nett und höflich ist. Damit möchte ich nicht sagen, dass Du nicht auch von Deinem Wesenskern her nett und höflich bist. Solange jedoch der Diktator dies von Dir verlangt, mischt sich etwas anderes mit hinein.
  • Im Zusammenhang mit dem Diktator ein Kritiker, der Dich dafür verurteilt, dass Du dem Diktator nicht folgst und mit Deinem Verhalten Menschen verletzt.
  • Ein v. i. K., das durch den oben genannten Diktator verunsichert ist und nicht weiß, wie es sich grundsätzlich Menschen gegenüber verhalten soll und seine Bedürfnisse einbringen und abgrenzen kann.
  • Ein v. i. K., das den Kontakt mit Menschen als zu anstrengend empfindet, das Empfinden hat, von ihnen „aufgefressen“ zu werden und deshalb, um sich zu schützen, verschwinden will.
  • Eine EF, die an einem Punkt „radikal“ wird, um sich nicht noch stärker zu verlieren (v. i. K, Diktator oder Prozessbegleitung, je nachdem, welche Energie diese Radikalität begleitet).

Dass Du bei all den Spannungen, die aus diesen EF resultieren, in Bezug auf den Umgang mit Menschen irritiert bist, kann ich gut verstehen.

Der Diktator, der bei Dir das Wertesystem (Verhaltenssystem) vorgibt, ist der, der sagt, dass Du Menschen nicht verletzen darfst.

Durch dieses Wertesystem des Diktators hast Du keine Chance mehr, frei auf Menschen zuzugehen und bei Dir zu bleiben. Mit anderen Worten: Durch ihn ist es Dir unmöglich, Dein inneres Kind (Deinen Wesenskern) zu leben und zu entfalten. Durch das Wertesystem dieses Diktators steht der Wert „Du darfst andere nicht verletzen/anderen nicht vor den Kopf stoßen!“ über dem Wert „Spür, was für Dich gut ist, wie es für Dich gut ist und stimme Deine Handlungen danach ab!

Da, wo ein Diktator ist, ist immer auch ein v. i. K. (siehe die v. i. K,. die oben aufgeführt sind). Durch den Diktator wird der Kontakt mit Menschen für mindestens eine EF in Dir sehr anstrengend.

Es ist möglich, dass Du durch diese Konstellation, die Du hast, Menschen gegenüber Doppelsignale aussendest – z. B. indem Du vielleicht über den Freundlichkeitsbereich hinaus unbewusst Signale aussendest, die bei Menschen den Anschein machen, Du hättest ebenfalls Interesse nach mehr Kontakt (das v. i. K., das dem Diktator folgt und der anderen Person Interesse vermittelt: „Siehst Du, wir verstehen uns. Ich zeige Dir, dass ich an Dir interessiert bin, Dich mag und ich Dich deshalb nicht verletzen kann!“) und über das Signal des anderen v. i. K. „Hoffentlich willst Du jetzt nicht mehr Kontakt mit mir!“.

Es wäre fatal, wenn Du jetzt anfangen würdest, diese v. i. K. kontrollieren zu wollen und beispielsweise versuchst, nicht mehr Menschen gegenüber nett zu sein. Das wäre nur ein weiterer Diktator, der Dir Raum nimmt und verhindern würde, dass Du Deinen Wesenskern ausleben kannst.

Was Du brauchst, um aus diesen Kreislauf herauszukommen, ist das Prozessieren dieser EF. Es brauchen nicht alle begleitet zu werden. Wichtig ist, dass Du die EF begleitest, die Dich am stärksten „ruft“. Mache dafür die Übung „Who's in the house“, um herauszufinden, welche EF das ist, und gehe dann mit ihr in die „Kanalübung II“.“