Beispiel 1: Was genau ist die Prozessbegleitung?

Frage:

Mir ist die Rolle der Prozessbegleitung noch nicht klar. Was genau ist sie und was macht sie?

Marias Antwort:

„Die Prozessbegleitung kann auf unterschiedliche Arten auftreten. Sie ist weit mehr als die analysierende Metaebene und auch mehr als die liebevolle erwachsene Person in uns – obwohl diese Qualitäten Teil von ihr sind. In der emotionalen Selbstbegleitung spielt die Prozessbegleitung die zentrale Rolle. Denn durch die unmittelbare Nähe zur Emotion ermöglicht sie uns eine starke „emotionale Präsenz“, während wir gleichzeitig ausreichend inneren Abstand haben, um nicht von der „negativen“ Emotion übermannt zu werden. Diese Gleichzeitigkeit nenne ich das duale Bewusstsein der Prozessbegleitung.

Wer bereits Erfahrungen mit Achtsamkeitsübungen oder speziellen Meditationsformen sammeln konnte, kennt diesen Zustand auf geistiger Ebene. Was im Augenblick noch abstrakt klingen mag, ist anhand eines Beispiels leichter zu verdeutlichen:

Nehmen wir eine imaginäre Klientin und nennen sie Petra. Petras chronisches Symptom ist „Eifersucht“. Sie weiß bereits, dass es mit einer Angst vor dem Verlassenwerden zu tun hat. Wenn wir uns nun Petras Situation genauer anschauen, erkennen wir zwei voneinander zu trennende Ebenen:

  • die emotionale Ebene, auf der Petra die Verlassenheitsangst direkt fühlen kann, und
  • die geistige Ebene in Petra, die diese Angst innerlich wahrnehmen und auf der sie darüber sprechen kann

Mit einer Achtsamkeitsübung könnte Petra nun trainieren, ihre Angst immer besser auch von der geistig wahrnehmenden Ebene aus zu betrachten. Das heißt, sie könnte zum Beispiel ihre Angst nicht nur direkt in ihrem Körper spüren – sagen, wo und wie sie sie wahrnimmt –, sondern gleichzeitig „von oben“ auf sie draufschauen. Dies wäre für Petra erleichternd, wenn sie auf diese Weise erfahren könnte, dass sie nicht ihre Angst ist, sondern dass sie diese Angst hat. Sie könnte damit Abstand zu ihrer Angst gewinnen und erleben, dass sie mehr ist als ihre Angst. Dies könnte sehr hilfreich und wertvoll für Petra sein.

Leider kann sich ihre Angst so noch nicht lösen, denn ihrem ungeliebten ängstlichen Kind ist damit noch nicht geholfen. Wahrzunehmen, dass sie mehr als ihre Angst ist, ermöglicht ihm noch keine neue Erfahrung. Dafür ist eine innere Begleitung der Angst erforderlich. Die Instanz, die diese emotionale Selbstbegleitung ermöglichen kann, nenne ich „die innere Prozessbegleitung“.

Erst durch die Prozessbegleitung können wir das ungeliebte Kind in uns tatsächlich begleiten und darin unterstützen, eine neue emotionale Erfahrung zu machen. Die angestauten Emotionen – in unserem Beispiel das, was in Petras Biografie beim Entstehen ihrer Angst vor vielen Jahren nicht ausgedrückt werden konnte (zum Beispiel ein Schrei, das Rufen um Hilfe, Weinen usw.) – können sich dann im Rahmen der neuen Erfahrung befreien.

Der entscheidende Unterschied zur ersten Kindheit (biografische Erfahrung) besteht darin, dass wir uns durch die Präsenz der Prozessbegleitung auf emotionaler Ebene nicht mehr isoliert und im Schmerz alleingelassen fühlen, sondern liebevoll begleitet. Es geht dabei nicht um ein blindes Ausagieren (!), sondern um eine wirklich neue Erfahrung. So ermöglicht erst das duale Bewusstsein, das auch die emotionale Ebene miteinschließt, die zweite Kindheit. Es ist das Erleben eines inneren Getragen- und Gehaltenseins, während sich die Emotionsstauung (der Schmerz, die Tränen usw.) lösen kann.

Innerhalb der Prozessbegleitung geben wir dem ungeliebten Kind nichts vor (auch keine Bilder oder gut gemeinten Sätze). Vielmehr erlauben wir dieser Kindseite, seinem eigenen Prozess folgen zu dürfen.

Zurzeit wird von den meisten Psychologen und Psychiatern die Meinung vertreten, man solle sich nicht noch einmal dem Kontakt mit Emotionen aussetzen, denen wir uns bisher hilflos ausgeliefert fühlten. Die Gründe für diese Meinung sind nachvollziehbar. Wenn wir beispielsweise den unaushaltbaren Schmerz von damals in gleicher Form im Hier und Jetzt noch einmal erleben, werden in unserem Gehirn dieselben neuronalen Bahnen bedient wie zu jener Zeit. Dass dies nicht zu einer Befreiung führen kann, leuchtet unmittelbar ein. Aber darum geht es nicht, wenn ich von emotionaler Selbstbegleitung spreche. Denn in den Betrachtungen zu diesem Thema fehlt die Instanz der Prozessbegleitung. Ohne sie ginge es tatsächlich nur um die Wiederholung der ersten Kindheit. Darum darf es natürlich nie gehen!

Erst mithilfe der Prozessbegleitung können sich gestaute Emotionen befreiend lösen. Durch diese neue Erfahrung werden nicht die alten Bahnen im Gehirn vertieft, sondern es werden – wie bei jeder neuen Erfahrung – neue neuronale Bahnen gebildet. Einen alten Schmerz eins zu eins zu wiederholen, ist aus therapeutischer Sicht völlig sinnlos, grausam und hat mit Heilung nichts zu tun. Es gilt, unsere aufgestauten Emotionen auf eine Weise zu begleiten, die uns aus der erlittenen Ohnmachtserfahrung unserer Kindheit in eine gesunde emotionale Selbstermächtigung führen kann.

Wenn Psychologie auf Spiritualität trifft, verbinden damit viele Menschen, dass neben der Psychotherapie das Meditieren im Rahmen des Heilungsweges einen festen Platz erhält. Der Ansatz, von dem ich spreche, geht jedoch darüber hinaus. Denn er lässt Psychologie und Spiritualität nicht nur nebeneinander existieren, sondern schafft zwischen ihnen mit der Instanz der Prozessbegleitung eine direkte Verbindung. Beide Bereiche greifen dann ineinander. Je nachdem, wie stark die eigene Prozessbegleitung ausgebildet ist, können dabei sehr tiefe und berührende Erfahrungen gemacht werden. Ob man diese spirituell nennt oder anders, ist nicht entscheidend.“